Die Städtepartnerschaft zwischen Kempen und Werdau hat viele Gesichter – eines davon ist das von Erich Wüllems, heute 97 Jahre alt und einer der letzten Zeitzeugen der frühen Begegnungen. Seine Erinnerungen reichen zurück bis ins Jahr 1957, als der Kontakt zwischen beiden Städten durch einen kuriosen Zufall entstand. Damals suchte der Leichtathletikverein aus Werdau nach einer gleichwertigen Mannschaft für Wettkämpfe im Mehrkampf und schrieb einen Brief an einen Verein in Kempten im Allgäu. Doch der Brief landete nicht im Süden Deutschlands, sondern in Kempen am Niederrhein. Als Karl-Heinz Schlingmann den zugestellten Umschlag öffnete, erkannte man die Chance – auch weil er bereits einmal in der Nähe von Werdau, in Zwickau, gewesen war. Man antwortete nach Werdau – und legte damit den Grundstein für eine Verbindung, die bis heute hält.
Zwischen 1957 und 1961 trafen sich die Sportler aus Kempen und Werdau abwechselnd in beiden Städten zu Wettkämpfen. Wüllems war jedes Mal dabei. Mit der Gründung der DDR ruhten die Beziehungen, und erst nach dem Mauerfall 1989 konnten sie wieder aufgenommen werden. Schon 1990 trafen sich viele Familien erneut, mal in Kempen, mal in Werdau. Der Kempener Leichtathletik-Club (KLC) spielte damals eine wichtige Rolle. Bis heute hält Erich Wüllems auch zu einigen Wegbegleitern aus Werdau Kontakt, und er war sowohl bei der Wiedervereinigungsfeier als auch später beim Stadtfest anlässlich eines Stadtjubiläums in Werdau dabei.
Ein Anliegen treibt ihn seit Jahren um: Während es in Werdau längst eine Kempener Straße gibt, sucht man in Kempen vergeblich nach einer Straße, die den Namen der sächsischen Partnerstadt trägt. Für Wüllems ist das ein bedauerlicher Umstand, zumal die anderen Partnerstädte – Orsay, Wambrechies und East Cambridge längst im Kempener Stadtbild vertreten sind. Er appelliert an Politik und Verwaltung, bei künftigen Bauprojekten oder Umwidmungen endlich auch den Namen Werdau in Betracht zu ziehen.
Am 15. November wurde die Partnerschaft zwischen beiden Städten nach 35 Jahren feierlich erneuert. Werdaus Oberbürgermeister Sören Kristensen (parteilos) reiste dafür nach Kempen und brachte zwei Schülerinnen mit. Gemeinsam mit sechs Jugendlichen der Gesamtschule Kempen setzten sie ihre Unterschriften unter die neue Partnerschaftsurkunde, die ausdrücklich festhält, dass die Verbindung nicht nur von den amtierenden Bürgermeistern getragen wird, sondern stellvertretend auch von der jüngeren Generation. Darin heißt es, man verpflichte sich weiterhin, die Zusammenarbeit zu fördern und die Freundschaft zwischen beiden Städten zu vertiefen – als Beitrag zur Einheit Deutschlands und zu einem geeinten Europa in Frieden und Freiheit.
Im Jahr 2026 ist angedacht, dass die Kempen BigBand nach Werdau reist und dort ein Konzert gibt – ein weiteres Kapitel in einer Partnerschaft, deren Ursprung ein fehlgeleiteter Brief war, den Erich Wüllems vor 67 Jahren in den Händen hielt. (tob)
Beitragsbild: Erich Wüllems wünscht sich in Kempen ein Werdaustraße.

BU: Die Schüler Santiago Bellen, Juli Brück, Tim Kreckler, Charlotte Konnen, Yanis Brumme, Thuy Nhi Nguysen (Werdau), Emily Voigt (Werdau) und Florian Pfeiffer unterzeichneten mit die Partnerschaftsbestätigung zwischen Kempen und Werdau.
Alle Fotos: Tobias Stümges