Ende 2014 trifft Delshad Mohammad eine Entscheidung, die sein Leben verändern wird. In seiner Heimat Nordsyrien bestimmen Krieg und militärische Einberufung längst den Alltag. „Mein Vater hat gesagt: Hauptsache ihr lebt“, erinnert er sich. Also bricht der damals 30-Jährige gemeinsam mit seinem Bruder auf, fort aus der Kriegsregion und hinein in eine Zukunft, die nur aus Hoffnung besteht.
Die Flucht führt zunächst zu Fuß über die syrisch-türkische Grenze, meist nachts und im Winter. Von der Türkei aus geht es weiter Richtung Europa, teilweise ebenfalls zu Fuß und mit Transportfahrzeugen über die Balkanstaaten nach Österreich. Mehr als zweieinhalb Monate sind die Brüder unterwegs. Delshad, den viele „Delo“ nennen, und sein Bruder bezahlen mehrere tausend Euro an Schleuser, ohne jede Garantie, jemals anzukommen. Viele andere schaffen es nicht. Die beiden haben Glück.
Deutschland wird schließlich zum Ziel. Erste Station Bochum, dann Thüringen für Verfahren und Interviews, schließlich Duisburg. Dort beginnt für Delshad der Neuanfang. Sprachkurse am Vormittag, Arbeit im Barber-Shop am Nachmittag in Duisburg und am Abend in Düsseldorf. Seine Frau kommt wenige Monate später nach. Heute haben die beiden zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn.
Über Kundenkontakte führt ihn sein Weg 2019 nach Kempen. Am Buttermarkt arbeitet er zunächst als Angestellter im einem neugegründeten Herren Barber-Shop und übernimmt ihn ein Jahr später vollständig. Dann folgt die Corona-Pandemie. Für viele kleine Betriebe bedeutet sie das Aus, für Delshad wird sie zum nächsten Kampf. Er bleibt, arbeitet weiter, erweitert das Team auf insgesamt vier Angestellte und gewinnt nach und nach Kundschaft aus Kempen, St. Tönis, Grefrath und Krefeld sowie ehemalige Stammkunden aus Duisburg und Düsseldorf zurück.
Heute lebt der 40-Jährige seit sechs Jahren in Kempen. Sein Bruder, mit dem er damals aufgebrochen ist, lebt ebenfalls hier und betreibt auf der Rabenstraße einen Barber-Shop. In beiden Salons arbeiten inzwischen auch Neffen der beiden mit, sodass sich ein kleiner Familienbetrieb über zwei Standorte entwickelt hat. Viele Bekannt- und Freundschaften haben sich dadurch ergeben, doch syrische Familien in Kempen kennt Delshad im direkten Umfeld nur drei bis vier.
Wenn er nicht im Laden steht, schnürt er seine Laufschuhe. Fast täglich joggt er seine Runden, meist zweimal um den Burgring. „Damit bekomme ich meinen Kopf frei“, sagt er.
Nach drei Jahren des Wartens und der Hoffnung hat er am 26. Januar im Kempener Rathaus die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen bekommen. Für Delshad bedeutet die Urkunde weit mehr als ein Blatt Papier. Seine Eltern leben noch immer in Syrien. Seit seiner Flucht hat er sie nicht mehr gesehen. Mit deutschem Pass hofft er auf ein Wiedersehen.
Es ist eine Geschichte, die leise erzählt werden kann, gerade weil sie stark ist. Eine Geschichte von Krieg und Flucht, von Fleiß und Selbstständigkeit und vom Ankommen in einer neuen Heimat. „Deutschland hat uns Sicherheit und Möglichkeiten gegeben“, sagt Delshad. „Vor allem für unsere Kinder.“ Genau darum ging es seinem Vater damals. Um nichts weniger als das Leben. (tob)
BU: Delshad „Delo“ Mohammad ist Ende 2014 aus Syrien geflohen und nun seit Ende Januar deutscher Staatsangehöriger. Foto: Tobias Stümges