Wer Jabiz Santoriello heute beispielsweise im Ristorante Santa Lucia begegnet, sieht eine starke Frau, die mitten im Leben steht. Gemeinsam mit ihrem Mann Sandro und den beiden Kindern Penelope und Valerio hat sie hier ihr Zuhause gefunden. Dass ihr Weg dorthin alles andere als selbstverständlich war, zeigt ein Blick zurück in ihre Kindheit, die viele tausend Kilometer entfernt in Teheran begann.
Dort wurde Jabiz Santoriello geboren und wuchs zunächst in einer liebevollen Familie auf. „Durch meine Familie hatte ich eine schöne, behütete Kindheit“, erinnert sie sich. Gleichzeitig war diese Zeit von Angst geprägt. Als sie vier Jahre alt war, begann der Iran-Irak-Krieg. Bombenalarm gehörte plötzlich zum Alltag. Wenn die Sirenen heulten, rannte die Familie in den Keller und wartete dort, bis die Gefahr vorbei war. Anschließend wurden Verwandte und Freunde angerufen, um sicherzugehen, dass sie noch lebten.
Ein Erlebnis aus dieser Zeit hat sich besonders tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Während einer Pause auf dem Schulhof flog ein feindliches Flugzeug direkt über ihre Schule. „Wir waren Kinder und haben einfach gewunken.“ Erst als das Luftabwehrsystem einsetzte, brach Panik aus. Kinder schrien und rannten durcheinander, sie selbst versteckte sich unter einem Baum. Bis heute weiß sie nicht, warum die Schule damals nicht bombardiert wurde. Vielleicht, sagt sie, sei es Schicksal gewesen.
Auch der politische Druck des Regimes gehörte zum Alltag. Einmal wurde sie mit ihrer Cousine auf der Straße von einem Fahrzeug der Revolutionsgarden bedrängt, weil das Kopftuch der Cousine nicht richtig saß. In der Schule mussten sich die Schülerinnen jeden Morgen aufstellen, damit kontrolliert werden konnte, ob die Kopftücher korrekt getragen wurden. Danach wurden Parolen gegen den Westen gerufen.
Für ihre Eltern wurde irgendwann klar, dass sie ihren Kindern unter diesen Umständen keine Zukunft bieten konnten. Ihre Mutter Firouzeh Tarafdar traf eine mutige Entscheidung und verließ mit Jabiz und ihrem Bruder Aidin im Jahr 1988 den Iran. Der Weg führte zunächst in die Türkei. Von dort konnten die Kinder mit ihrem Onkel nach Deutschland fliegen. Die Mutter musste allein mit Schleusern und einem falschen Pass nachreisen.
Die ersten Wochen verbrachten Jabiz und ihr Bruder bei einer Tante in St. Hubert. Wenig später schaffte es auch ihre Mutter nach Deutschland. Später zog die Familie nach Kempen. Der Neuanfang war schwierig. „Wir waren in einem fremden Land, dessen Sprache wir nicht sprachen.“ Jabiz kam direkt in die siebte Klasse der Hauptschule und besuchte jeden Nachmittag einen Deutschkurs. Oft lernte sie bis tief in die Nacht mit ihrer Mutter, die mit Hilfe eines Wörterbuchs jeden Text Wort für Wort übersetzte. Schritt für Schritt fand sie ihren Weg, machte ihren Realschulabschluss, wechselte aufs Gymnasium und legte schließlich ihr Abitur ab.
Die ersten Jahre waren dennoch von starkem Heimweh geprägt. Sie vermisste ihren Vater der mit seinem Bruder eine Firma in den USA gründete und dort lebte, ihre Familie und Freunde im Iran. Heute blickt sie mit großer Dankbarkeit auf die Entscheidung ihrer Mutter zurück. „Sie hat uns ein freies Leben ermöglicht. Vielleicht hat sie uns sogar das Leben gerettet.“
Im Jahr 2000 lernte Jabiz ihren Mann Sandro kennen, auf einer damals legendären Rennbahnparty. Seit 2004 sind die beiden verheiratet und leben heute mit ihren Kindern in Hüls. Auch im Hülser Karneval ist das Ehepaar kein unbekanntes Gesicht. Im Jahr 2018 standen Jabiz und Sandro Santoriello als Hülser Prinzenpaar im Mittelpunkt der Session.
Ihre Identität beschreibt Jabiz heute mit einem Lächeln als multikulturell. Deutschland ist ihr Zuhause, der Iran bleibt ihre Heimat. Dazu kommt die italienische Kultur ihres Mannes. Eine Tradition aus ihrer Kindheit hat sie bis heute bewahrt. Das persische Neujahrsfest Nouruz wird jedes Jahr zum Frühlingsbeginn gefeiert, wenn die Familie zusammenkommt, gemeinsam isst und Geschenke austauscht.
Trotz ihres neuen Lebens blickt sie immer wieder in Richtung Iran. Ihr größter Wunsch ist es, eines Tages mit ihrer Mutter an der Hand aus dem Flugzeug zu steigen und die Luft ihrer Heimat wieder einzuatmen. Leben wird sie dennoch in Deutschland. Denn hier ist heute ihr Zuhause. Und ein Satz der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer begleitet sie dabei: „Es gibt kein christliches, kein jüdisches, kein muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Wir sind alle gleich. Seid Menschen.“ (tob)
BU: Firouzeh Tarafdar (75), Jabiz Santoriello (49) und Aidin Yousefi (45). Foto: Tobias Stümges